Rezensionen und Stimmen

„Vom Glück der Mücken“
„… originelle Gedichte, die mir sprachlich, formal und inhaltlich gefallen“
Axel Kutsch

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Humorvoll, ironisch, hintergründig, scharfsinnig: So lassen sich in aller Kürze die Gedichte von Irena Habalik beschreiben, die soeben im Free Pen Verlag in dem Band »Vom Glück der Mücken« erschienen sind. Habaliks Poesie sprengt die klassischen Formen des Gedichts. Sie regt an, zieht den Leser hinein und fordert ihn auf, mitzutanzen, während er die Gedichte liest. Und so tanzt das Auge mit zwischen den Zeilen, die manchmal nur aus einem Wort bestehen. Es ist ein künstlerisch- poetisches Spiel für Auge und Geist. Man …
»…
dreht sich
im
Kreis
als ob man
ringeln
würde
ein Tanz
ein Ringeltanz
…«

In Gedanken tanzt der Leser mit den Versen, die ihn in ein neues Land in der Welt der Lyrik führen, tanzt, um glücklich zu sein, wenn auch nur für einen kurzen Moment – wie eine Mücke – in der Hoffnung, das Glück möge ihn nicht überspringen.

Hıdır Eren Çelik
Schriftsteller und Herausgeber in Bonn 

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DAS POETISCHE WORT ALS KONTRAST UND ZEICHEN

Irena Habalik, Aus dem Laub fallen Worte. Gedichte. Collection Montagnola Nr. 10. Herausgegeben von Klaus Isele in Zusammenarbeit mit Ars Littera. Verlag BoD – Books on Demand. Norderstedt 2014. 128 Seiten.

Poesie – Quadriga Nr. 3. Gedichte von Margrit Brunner, Irena Habalik, Ruth Werfel, Eva Christina Zeller. Edition Isele. Eggingen 2014. 164 Seiten.

Irena Habalik, geboren 1955 in Polen und dort aufgewachsen, absolvierte in Wien Dolmetsch – und Publizistikstudium und arbeitete hier bei Amnesty International. Im Jahr 1999 erschien ihre bibliophile Lyriksammlung Überall ist ein Land, bereichert mit eindrucksvollen Farblithographien von Herwig Zens. Ihre Gedichte erschienen auch in Zeitschriften und Zeitungen, unter anderem in Neue Zürcher Zeitung, Der Standard, Literatur und Kritik, Versnetze und im Rundfunk.

In ihrer zweiten Lyriksammlung, die 2014 unter dem Titel Aus dem Laub fallen die Worte in der Collection Montagnola veröffentlicht wurde, erweitert die Autorin die Themenkreise der ersten Sammlung mit neuen Inhalten und mit der originellen Bildhaftigkeit ihrer Sprache, mit interessanten Redewendungen und Wortspielen. In ihre Verse fließen divergierende Sprachschichten, durch die sich das lyrische Ich inmitten des Spracherlebnisses und vertieft empfundener Natur auf besondere Weise entfaltet. „Ohne Gedichte sind wir allein“, heißt es im Text Nach dem Gedicht. Das ist eine wichtige Grundposition für die Entstehung verschiedener Lyrikzyklen von Irena Habalik, die in der Sammlung Aus dem Laub fallen Worte veröffentlicht sind.

Das spezifische Verhältnis der Autorin zur Sprache und ihren Möglichkeiten wird vielleicht auch durch ihre Zweisprachigkeit beziehungsweise Mehr- und Anderssprachigkeit begründet. Sie kam aus Polen nach Wien und begann hier in deutscher Sprache zu schreiben, ohne das Sensorium für ihr erstes Land und ihre Muttersprache zu verlieren, was vor allem in ihrem ersten Gedichtband überall ist ein land (1999) immer wieder zum Vorschein kommt (z. B. in den Gedichten überall ist ein land, in zwei sprachen, am rande, deutsche unterstufe usw.).

Dem Wort an sich kommt in der Lyrik von Irena Habalik eine besondere Bedeutung zu. Sie kann es spielerisch verwenden, in provozierende Redewendungen einbinden, in besondere, kombinatorische, manchmal ironisch verdrehte Fügungen eingliedern. Im Gedicht aus dem ersten Zyklus Ich weiß, dass in mir zwei Seelen hausen, das unter dem schlichten Titel Das Gedicht veröffentlicht ist, erfahren wir, dass Gedicht ein Mann ist „mit braunen Augen / und breiten Schultern“, doch diese erotische Andeutung wird, wie so oft in der Lyrik dieser Autorin, mit den Elementen der Naturlyrik verknüpft, der eine nicht unbedeutende Rolle bei der Ausformung der einzelnen Texte zukommt. Allerdings haftet der Natur- und Landschaftsschilderungen in der Lyriksammlung Aus dem Laub fallen Worte oft kein idyllisches Charakteristikum an, wir haben eher mit den Verdrehungen zu tun, mit der Komik und Ironie, so wie im oben zitierten Gedicht Das Gedicht, das ein Mann ist, der dem lyrischen Ich „an einem warmen Abend“ sagt „an Eiszeit denken und / er leckt mir diesen Sommer/ Schneeflocken / an den Nacken“ (S.10).

Vor allem im dritten Zyklus des Buches Paarweise oder 20 Mal Liebe wird das Erotische auf verschiedene Weise dargestellt. Manchmal auch humorvoll, locker oder ironisch. Oft wird die Liebe zusätzlich noch literarisiert, wie im interessanten Gedicht Nächte mit den Dichtern, und durch Sprache und ihre Möglichkeiten bestimmt. Im Text Nächte mit den Dichtern begegnen wir mehreren Figuren, bekannt aus der Weltliteratur, zum Beispiel Petrarca, Hafis, Flaubert, Rimbaud, Benn, Tschechow, Ionesco, Pirandello. Bemerkenswert vor allem auch das Gedicht Die Liebe und die Toten, in dem auf makabre Art und ein bisschen frivol die Diskrepanz zwischen den Lebenden und den Toten gezeigt wird und das Fragliche, Zwielichtige, das Absurde der Wirklichkeit, ja, manchmal sogar der Existenz, in der Veränderlichkeit der Dinge und der Lebenssubstanz hervorgehoben wird.

Wenn im Gedicht Novemberpark aus dem ersten Zyklus, mit viel Raum für die melancholische Aufführung der Naturereignisse, das Ambivalente der Sinnbezüge nur angedeutet wird, und sich hier nur „eine Schaukel selbst in Schwung bringt / ergattert entflohene Laute / und summt“, wird in dem Anklagegedicht Embryo 1 „ein Bündel aus Nerven Blut und Herzpochen“… „gespült an ein unbekanntes Ufer“.

Im zweiten Zyklus Im Kreise des Jahres werden neben den sachlichen Beschreibungen der typischen Charakteristika für die einzelnen Monate in indirekter Form auch die Empfindungen der Autorin deutlich gemacht. Die Sachlichkeit der Deskription, verbunden mit der melancholischen Schilderung der kleinen unscheinbaren Dinge, weckt die Erinnerung an die alten Kalendergeschichten und klassischen Stundenbücher, unter anderem auch an die klare Komposition der prächtigen Bilder im Buch des Duc de Berry aus dem 15. Jahrhundert.

Im kurzen Zyklus Gelb, Blau und der Punkt werden poetisch die Farben und Formen rhythmisiert und in Schwung gebracht. Auch in den Zyklen Aus dem Laub fallen Worte (der Titel des Gedichtbandes!), Ophelia lässt sich nichts mehr vorspielen und Wir haben die Katze im Sack verkauft gebraucht die Autorin die Worte als Kontrast und Zeichen, um sie in die Beziehung zu sich selbst und zu ihrer Stellung in der Welt zu setzen. Das Erlebte und Gedachte wandert in die Sprache. Die Wirklichkeiten zeigen sich diskontinuierlich, nebeneinander gesetzt, manchmal entsteht collagenähnliche Struktur der Inhalte. Im Text Das Spiel (S. 94) erfahren wir, dass das Leben „ein Ping Pong“ ist und auf der Seite 81 lesen wir: „Manchmal fällt / ein Bild / aus / dem Rahmen/ dann fällst / du / aus dem Bild…“. Gelegentlich, wie zum Beispiel im Gedicht Ophelia lässt sich nichts mehr vorspielen, werden die Frauenfiguren der Weltliteratur (Ophelia, Penelope, Antigone, Kassandra, drei Schwestern) aus den Rollen, die ihnen die Dichter verordnet haben, mit dem vordergründigen Witz heraus geworfen und in den neuen Wirklichkeiten auf den Kopf gestellt. Die Filtrierung des Wirklichkeitsmaterials durch Wort- und Sprachspiele ist für Irena Habalik charakteristisch.

Auch ihre Gedichte, die in der Anthologie Poesie – Quadriga 3 unter dem Titel In diesem Baum wohne ich veröffentlicht sind, folgen diesen sprachspielerischen ironischen Mustern und verlieren in den Brechungen des Erzählten sehr oft den zuerst angedeuteten idyllischen Charakter.
In der Publikation Poesie – Quadriga 3 wird neben den Gedichten von Irena Habalik auch die Lyrik von Eva Christina Zeller aus Tübingen, Ruth Werfel aus Zürich und Margrit Brunner aus Glarus in der Schweiz vorgestellt. Interessant zum Beispiel das ironische zeitkritische Gedicht Die Hitlerfrage von Eva Christina Zeller.

LEV DETELA
Lev Detela ist Lyriker, Prosaist, Essayist, Kritiker und Herausgeber der LOG-Zeitschrift für internationale Literatur in Wien.
Die Besprechung erschien in: LOG, Zeitschrift für internationale Literatur, Wien, Nr. 143 / 2014

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Das poetische Universum Irena Habaliks – ihr Gedichtband Aus dem Laub fallen Worte

Irena Habalik ist eine der inzwischen zahlreichen Autorinnen und Autoren, die ihre Text auf Deutsch und nicht in ihrer Muttersprache verfassen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Vielfalt der deutschsprachigen Literatur leisten. Geboren in Polen, zieht Habalik nach Österreich um in Wien Publizistik und Dolmetschen zu studieren; schließlich lässt sie sich in der Österreichischen Hauptstadt definitiv nieder. Erstmals tritt sie 1999 mit dem Gedichtband Poesie Quadriga Nr. 3 an die Öffentlichkeit, mittlerweile ist ein neuer Band mit dem Titel Aus dem Laub fallen Worte erschienen. Für Lyrikliebhaber ist Irena Habalik aber auch durch ihre Veröffentlichungen in einschlägigen deutschsprachigen Literaturzeitschriften keine Unbekannte mehr.

Die Themen der in sieben Kapitel gegliederten neuen Gedichtsammlung sind mannigfaltig: Ihre Lyrik dreht sich um den Jahreskreislauf, die Liebe, antike Frauenfiguren, Farben etc., aber immer wieder stellt sie das Gedicht bzw. das Dichten selbst in den Mittelpunkt ihrer Verse. Irena Habalik erweist sich als feinfühlige, alle Bedeutungen eines Wortes ausreizende Dichterin. Durch ihren Außenblick als gebürtige Polin, verstärkt durch ihre Ausbildung zur Dolmetscherin hat sie dafür eine besondere Sensibilität entwickelt, die in ihren Gedichten immer wieder spürbar wird. Sie führt den Leser in ein poetisches Universum, das am besten Joseph von Eichendorffs Gedicht Wünschelrute charakterisiert: „Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.“ Dieses Zauberwort findet Irena Habalik in ihren Gedichten immer wieder und bringt damit ihr Universum zur Entfaltung, etwa, wenn sie den Leser auffordert, Bahnhöfe zu besuchen oder Bäume zu streicheln. Farben wie blau und gelb beginnen in ihren Versen zu leben, bevor sie zu vibrierenden Farbpunkt werden, die sich auf der Netzhaut zu Bildern vereinigen.

Eine Hommage an Petrarca, dem Vater des modernen Liebesgedichts, leitet den Abschnitt mit den Liebesgedichten ein. Einige von ihnen sind sehr knapp gehalten, skizzieren nur mit wenigen kurzen Versen die Befindlichkeiten der Liebenden. Ausführlicher beschreibt das Lyrischen-Ich Liebesnächte mit Dichterkollegen, wobei diese, ganz im Gegensatz zu dem Bild, welches der Leser durch ihre Texte erfährt, als Liebhaber sich sehr enttäuschend erweisen.

Irena Habalik ist ein vielstimmiger Gedichtband gelungen, in dem sie ihre Leser durchaus überraschen kann, ihnen aber vor allem viel Freude bereitet.

ALFRED STRASSER
Autor, Literaturwissenschaftler, Herausgeber, Dozent an der Universität Lille
Die Besprechung erschien erstmals in der Zeitschrift „Krautgarten : Forum für junge Literatur“. Nr. 67. St. Vith, Belgien, 2015.

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IRONISCHE VERDREHUNG DER GEGEBENHEITEN DES LEBENS

Irena Habalik, Vom Glück der Mücken. Gedichte. Free Pen Verlag   (FPV). Bonn 2015. 86 Seiten.

Wesentlich für Habaliks Poesie ist das spielerische beziehungsweise ironische Element, zu dessen Symbol der Titel des Gedichtbandes wird. Die unkonventionelle Auflösung der gewohnten Sprachlogik und von ihr geordneten Zusammenhänge unterstreicht die Autorin durch die bewusst gestaltete Vermischung der Sprach- und Inhaltsebenen. Oft werden die Gegebenheiten des Lebens durch die Verdrehungen der Worte und Inhalte parodiert, durch kluge Wort – Spiele und seltsame poetische Figuren auf den Kopf gestellt. Die gängigen Sprichwörter werden umgestaltet in die paradoxen Aussagen. Die Gegenstände, Ereignisse und Zustände verselbständigen sich oft wie im Märchen, bekommen menschliche Charakterzüge (ein Handy   auf einer Parkbank atmet schwer, S.5; die Angel trennte sich von der Tür ist also selbstständig geworden, S. 7), doch im zweiten Teil dieser Texte erfolgen die antiautoritären „philosophischen“ Rückschlüsse: „Wo werden wir jetzt stehen wenn nicht zwischen Tür und Angel?“

Irena Habalik ist Meisterin der feinen Ironie, was sie auch mit dem anthologischen Text „041“ beweist: „ein Hai und eine Kuh kurz Haiku genannt beschlossen zusammen zu bleiben und ewig Haikus zu produzieren“ (S. 15).

Der Gedichtband hat zwei Teile. Der erste Teil beinhaltet 81 kurze Texte in skurrilen Versen, die oft nur aus einem einzigen Wort bestehen. Der innere Zusammenhang der Aussagen wird durch die subjektive Genauigkeit der einzelnen Passagen hergestellt und oft durch den fast surrealen Kontrast, in dem diese Textteile zu dem jeweiligen Inhalt stehen, verdeutlicht. Die durch inhaltliche Unregelmäßigkeiten entstehenden Effekte sind aber in den einzelnen Gedichten von Irena Habalik wohl beabsichtigt, durchdacht und berechnet und haben einen ganz bestimmten Ausdruckwert.

Auch im zweiten Teil des Buches mit den einundzwanzig meist betitelten längeren Gedichten durchbricht die Dichterin immer wieder die vordergründige Alltäglichkeit und projiziert ihre ironischen Verdrehungen, die sie unter anderem mit den Namen der bekannten Poeten und Großkritiker Benn, Trakl, Jandl, Droste, Heine und Reich – Ranicki garniert, auf die Bühne der menschlichen Schwächen und Belastungen. Sogar Liebe und Sex kommen nicht zu kurz und werden unter der Lupe der Ironie vergrößert und mit provozierenden Versen entblößt (die besoffenen Finger spazieren von den Kniekelchen bis zu den Schamlippen… –   S. 16; …ich bohre jetzt unten wie vorhin dort oben, stoße an Grenzgebiete, Hindernisse und so weiter, ich finde nichts…Wo hast du das Liebeswort versteckt? – Versteckspiel, S. 64; … ich sauge an den kleinen Zehen, will ihnen ein Geheimnis entlocken, das Geheimnis der Macht, der mir die Angst einjagt… – Er betet ihre Füße an, S. 65).

Wenn man sich in diese gewitzten Wort – und Weltspiele vertieft, wirken sie wie ein manchmal frivoles humoristisches philosophisches Kompendium. Die Schwächen der Menschen und der Gesellschaft werden verdeutlich und entlarvt, doch hinter allen Metaphern, Aussagen, Beschreibungen und Feststellungen bleibt die letztlich nicht zu fassende Rätselhaftigkeit der menschlichen Existenz.

LEV DETELA
Lev Detela ist Lyriker, Prosaist, Essayist, Kritiker und Herausgeber der LOG-Zeitschrift für internationale Literatur in Wien.
Die Besprechung erschien in: LOG, Zeitschrift für internationale Literatur, Wien, Nr. 147/ 2015.

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Ein Buch wie ein Garten den man bei sich trägt

Irena Habalik „Aus dem Laub fallen Worte“ Collection Montagnola No. 10/Sammlung Isele ISBN 978-3-7357-4161-5.

Reflexionen über das Dichten stehen am Anfang des Bandes von Irena Habalik, der im Verlag Collection Montagnola. N 10 erschienen ist. Die in Polen geborene Wiener Autorin, bereits viel bepreist, lebt als Dolmetscherin und Publizistin in einer Welt der Bücher. Auf 125 Seiten und in sieben Kapiteln breitet sie ein kosmopolitisches Universum aus, bei der die Frage nach dem Zuhause oft, wenn nicht expliziert formuliert, immer mitschwingt, wie in „Heimaten“: „Eine Heimat/hinter dir/eine vor dir/du/dazwischen/versuchst/zu begreifen/was dir/dieses/Gezwitzscher/am Balken/erklärt.“ Die unerwartete Wendung zum fast Banalen macht den Reiz dieser freien Verse aus. Im Mittelpunkt des Buches steht der Zyklus über Ophelia: „Ophelia lässt sich nichts mehr vorspielen“, eine eigene Abrechung mit der Männerwelt vielleicht, aber vielmehr Empathie in die antike Weiblichkeit, wie Antigone, Penelope und Kassandra („arme Kassandra. Und niemand da, der ruft: Wach auf,/wach auf Frau.“) aus eigener Perspektive. Urbane Landschaften und Stimmungen verbreiten „Im Prater“, „Novemberpark“ und „Sonntag“, die ins Wiener Milieu greifen und die multikulturelle Szene schildern: „Ich bestellte/ Buddhas Lieblingsspeise, das Wort des Tages/schenkte ich dem Koch, er ist Pakistani, liebt Deutsch/. Eine Fantasmagorie ist das Gedicht „Die Mondfrau“, der Mythos des Weiblichen im Kontext einer stark empfundenen Verlassenheit und Liebe und unter dem Diktat des Über-Ich des Väterlichen: „Täglich vergewissert sie sich/ob sie die dunklen Wolken weggestoßen/ und die Beschimpfungen abgefangen/die ihn den Mond kränken//Er hängt an ihr, ihren starken Lippen/Nun spricht sie zu viel/Er wird blass aber beklagt sich nicht/Schadenfroh schaut er auf uns herab/Wer käme da hinter sein Geheimnis“. Besonders beeindruckend sind die naturphilosophischen Gedichte im Abschnitt „Im Kreise des Jahres“.

HEINZ WEISSFLOG
Heinz Weißflog ist Lyriker und  Kritiker bei der Zeitschrift „Signum“.
Die Rezension erschien in: Signum – Blätter für Literatur und Kritik, Dresden, Winter 2016.

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EIN DICHTES POETISCHES KOORDINATIONSSYSTEM

Irena Habalik, Aus dem Rahmen fällt ein Bild. Gedichte. FPV – Free Pen Verlag. Bonn 2017. 124 Seiten.

Irena Habalik liebt Gegensätze und Irritationen. Schon der Titel ihrer neuen Lyriksammlung Aus dem Rahmen fällt ein Bild verdeutlicht ihre Neigung zur Umformung des Gewöhnlichen ins Ungewöhnliche. „Aus dem Rahmen fallen“ bedeutet auch „von der Regel abzuweichen“. Tatsächlich werden die besten Texte dieser Sammlung durch die Fülle der eigenartigen Wortkomponenten beziehungsweise Bildablagerungen in ein neues Bezugsfeld versetzt.
Die Dichterin inszeniert mit widersprüchlichen Wortverbindungen und ihren ironischen Verdrehungen auch inhaltlich neue Formen der lyrischen Aussagen, die sich gegen die Klischees der gesellschaftlichen Kompromisse wenden. Durch diese gekonnt eingesetzten Widersprüchlichkeiten entsteht ein dichtes Koordinationssystem mit neuen Bedeutungseinheiten.
Gleich im ersten Teil des Buches mit dem Titel Nicht allein bist du auf der Flucht thematisiert die Dichterin die aktuelle Flüchtlingsproblematik und mit ihr verbundenen Traumatisierungen wegen des Verlustes der ehemaligen Heimat. Sie, eine deutschsprachige Autorin mit polnischen Wurzeln, die 1974 nach Österreich gekommen ist, stellt die Flucht in einen größeren universellen welthistorischen Kontext, weil, wie sie sagt, „wir alle flüchten mit / seit gestern seit Jahrhunderten / nach Norden Süden in die Mitte“ (S.9). Die Flucht und Vertreibung ist der ewige Zustand der Geschichte der Menschheit und wir sind die „gefallenen Engel ewigen Juden“. Dieses Schicksal betrifft jeden und alle, jede Frau („ich eine blonde Negerin“), jeden Mann („du mit den Augen eines Fisches / ertrunken“).
Es herrscht große Unsicherheit:
Wir alle suchen die Weite
aber am liebsten
fliehen wir vor uns selbst
(Seite 9)
Die Problematik der „Ausgewanderten“ ist zweideutig, oft eine „contradictio in adjecto“:
und während sich das Auge
und das Ohr begeistern
an neuen Formen

spricht sie
die eine Sprache
in der anderen
und es versteht keiner
(Seite 19)
Im längeren Gedicht Heimaten werden die Gegensätze zwischen der Fremde und der ehemaligen ersten Heimat in einen neuen Erkenntnisrahmen gesetzt:
Du liegst im Gras, grün betupft, libellengestreift,
du träumst: wie das Gras sein, überall die Heimat haben
und glücklich keine haben.
(Seite 22)
Mehrere Heimaten zu haben ist nämlich eine charakteristische und vernünftige Perspektive für den zukünftigen Menschen in einer globalen und zugleich toleranten Welt, die in den „Zugereisten“ keine Gefahr, sondern gesellschaftliche und kulturelle Bereicherung entdecken wird.
Im zweiten Zyklus
Happy beginning entwickelt die Dichterin eine aus eigener Praxis des Schreibens entstandene Poetik, um das Rätsel des Gedichtes beziehungsweise der Poetik ontologisch zu enträtseln. Den Leser überrascht sie mit einem ganz neuen Ton. Im Gegensatz zu den Literaturtheoretikern, die die Struktur des Gedichtes mit Hilfe langer Aufsätze wissenschaftlich zu erklären versuchen, springt Irena Habalik auf eine neue Ebene, wo sie die Frage Was weiß ein Gedicht (Titel des ersten Gedichtes im Zyklus) in mehreren Texten spielerisch und verschnörkelt aus eigener Erfahrung als Dichterin beantwortet. Das Geheimnis und die Magie der Dichtkunst verbindet sie mit einer Fülle der Bilder, Farben und Töne, durch die der Prozess der Entstehung des Gedichts verdeutlicht beziehungsweise erfahrbar gemacht wird. Diese Texte sind Liebeserklärungen an das Gedicht, verinnerlicht und musikalisch, gelungene poetische Landschaften, mit vielen Bezügen zu den Traditionen der Dichtkunst und der Moderne, oft mit Reflexionen und Referenzen, die sie mit Werken und Aussagen anderer Autoren und bildender Künstler verbinden. Die Autorin liebt es, ihre Texte spielerisch umzuformen und sie als Experimente beziehungsweise als Spiele mit Worten und Gedanken, in denen sich ein Vers möglicherweise als „eine Vers. Suchung“ entpuppt (S. 28), zu präsentieren. Es sind dies eben „Zeilen die nichts ahnen / nichts behaupten sich den Weg ins Freie bahnen.“ (Seite 28).
In Happy beginning mit der Frage Was weiß das Gedicht? wird das Gedicht personifiziert, fast körperlich als eine lebende Gestalt dargestellt. Zugleich aber entblößt es die Autorin durch verschiedene Kunstgriffe in einer Art von Oxymora (Es wird dann aus Nein / ein Vielleicht / und aus dem Nichts / erklingt ein Gedicht, S. 43) in paradoxe Gegensätze, in denen Verschiebungen und Überlagerungen eine neue Transparenz beziehungsweide die Rekonstruktion der gegebenen Gegebenheiten bewirken können.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Irena Habalik den Farben, was vor allem im dritten Abschnitt des Buches sichtbar wird. Das – Gedichte –Schreiben ist eigentlich auch malen und komponieren. Die Autorin, die sich auch als Malerin betätigt, gibt ihren Worten manchmal einen zusätzlichen Farbklang in verschiedenen Schattierungen zwischen dem Königsblau und Graubraun bis zum Rot oder Grün. So entstehen mit Hilfe der Betrachtung der Bilder von verschiedenen Maler (z.B. von Jean Bazaine oder Tizian) die verinnerlichten Landschaften in mannigfaltigen Variationsformen. Diese Gedichte sind oft mit einer sensiblen inneren Wortmusik erfüllt. Es verwundert dabei nicht, dass die Lyrik von Irena Habalik manchmal rätselhaft erscheint, doch man braucht in der Dichtkunst nicht alles zu verstehen und kategorisieren.
Auch die Texte des Zyklus Ein Gedicht hängt an der Wand bewegen sich in einem Spannungsverhältnis zwischen den Beschreibungen der im alltäglichen Leben erscheinenden Begriffe und Zustände und persönlichen Befindlichkeiten der Autorin und dem Verfremden dieser Formen in die verinnerlichten Komplexitäten, hinter denen keine Deutungen mehr möglich sind:
Ein Gedicht
hängt an der Wand

Nichts will es
antworten
keinen Rat hat es
will hängen
an der Wand
wie ein Bild

(Seite 79)
Die Verse von Irena Habalik sind mannigfaltig und breit gefächert, was auch in der fünften und letzten Abteilung Die perversen Perser zum Vorschein kommt. Warum pervers, fragt sich ein Anonymus im Gedicht Pervers und betont, dass wir einmal schon dahinter kommen werden.
Es ist klar, dass hier neue poetologische Aspekte zur Darstellung gelangen. Viele Texte wirken grotesk, surreal, verspielt, humoristisch oder ironisch, auch aphoristisch, mit auf den Kopf gestellten Sprichwörtern garniert. Die persönlichen und gesellschaftlichen Widersprüche und Schwächen, die in verschiedenen Varianten in diesen Gedichten zum Vorschein kommen, verdeutlichen auch den destabilisierenden Zustand der Gegenwart mit seinen gesellschaftlichen und politischen Unordnungen. Die Gedichte von Irena Habalik sind eigentlich auch allegorische Bilder, die Entfremdung von Mensch und Sein zu verdeutlichen versuchen. Es ist leider noch nicht „aller Tage Engel“ (Seite 114, Stimme, Nacht, Stimme), wie in einem Gedicht zu lesen ist.

LEV DETELA
Lev Detela ist Schriftsteller und Kritiker in Wien.
Die Rezension erschien in LOG – Zeitschrift für internationale Literatur (Nr. 157, Wien, 2018).

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IRONIE UND HUMOR ALS MITTEL DER BEFREIUNG AUS DER ENGE

Irena Habalik, Wenn es mir im Herzen grünt. Gedichte und Aphorismen. FPV – Free Pen Verlag. Bonn 2016. 130 Seiten.

In Polen geborene Irena Habalik ist nicht nur eine vielfältig engagierte Lyrikerin mit Migrationshintergrund, sondern auch Aphoristikerin. In der Publikation Wenn es mir im Herzen grünt hat sie im Jahr 2016 ihre Sprüche, Wortspiele und kurze ironische Gedichte veröffentlicht.
In kurzen Zeilen ohne Interpunktionen präsentiert sie verschiedene Lebensweisheiten, mit denen sie sich mit Schwächen der Mitmenschen und der Verfehlungen in der Gesellschaft auseinandersetzt. . Sehr oft ist sie ironisch, manchmal zugespitzt polemisch, hie und da philosophisch, oft politisch:
Wir waren schuldig
wir wurden freigesprochen
so bewahrten wir
Gesichter
für die Geschichte
(Seite 30)
Ihre Aphorismen gehen manchmal tief unter die Haut, wie zum Beispiel auf der Seite 74:
Sie stöhnte und rief
o Gott, o Gott,
er wunderte sich
da sie nicht religiös war
(Seite 74)
Auch über die zwischenmenschlichen Beziehungen an sich kann uns die Autorin auf erfrischende Art belehren:
Ein schweigsames Ich
Ein schweigsames Du
dazwischen bellt
der gemeinsame Hund
(Seite 81)
Das Grundprinzip des Zusammenlebens in einer demokratischen Gesellschaft ist die conditio humana, doch kann man sie in der Welt der Verfehlungen und Kontradiktionen verwirklichen? Irena Habalik bleibt diesbezüglich skeptisch:
Wir sprechen
nach der Regel der Grammatik
dies bringt uns
aber nicht weiter
(Seite 109)
Manche gut formulierte Sätze von Irena Habalik, in denen sich viele Lebenswahrheiten verbergen, machen Eindruck.

LEV DETELA
Lev Detela ist Schriftsteller und Kritiker in Wien.
D
ie Rezension erschien in LOG – Zeitschrift für internationale Literatur (Nr. 157, Wien, 2018).

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