VII. Heiteres

Der Ohrwurm

Der Ohrwurm ist weg
kein Piepsen kein Ton
und sang so unvergesslich
Arien Lieder
und ging aus einem Ohr
ins andere
durch den Balkon
in die Ferne
erfreute die Wüste, die toten Meere
Stille, eine hässliche Idylle
Es bleibt dieses Sausen im Kopf
dieses krankhafte Klingen
Dies hat er schön übertönt
Die Decke hat Risse
Die Dunkelheit winselt am Tor
Komm, du lieber Wurm
zurück ins Ohr
Wir waren ein erprobter Chor
Lass dich nicht fangen
von den vermummten Wurmhenkern
komm
damit mich das Triste
nicht schon in der Früh frisst

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Einer ist immer bei mir
Schenkt mir eine Uhr ohne Zeiger
setzt die wurmigen Birnen vor
will dass ich die Würmer lieb gewinne
und die Schmetterlinge im Bauch verwirre

Er wetzt das Messer und schaut tief
in meine Augen
Auf dem glitschigen Parkett tanzen wir
tanzen wild wie zwei junge Affen
dann fangen wir die Zukunft
beim Schopfe zu packen

Einer ist immer da, er sagt, zusammen
sind wir unermesslich
zu unermesslich
Ich setze eine Löwenmaske auf und sage
es kommen schwere Tage
die Haut wird schweineborstig
die Würfel sind gefallen

Ist einer nicht bei mir dann ist es ein anderer
reicht mir sein Herz wie eine Scheibe
saftiger Honigmelone
ich lecke mir die Lippen wund
mein Herz hüpft wild vergnügt
hüpft bis es bricht

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Schwimmen wir im Glück oder ist es nur das Wasser
im Kübel, das schimmert? Sie liest es wie: stampfen
wie im Stall, zappeln wie im Fass. Und wem nützt das?
Schwimmen in den Dünen, im Nebel, dies kann jeder.
Ich kann es nicht, sagt sie zum Buchsbaum
dem sie Dornen der Verzweiflung herausreißt.
Und seit wann bitte sind das Schwimmen und das Glück
ein Paar und ob es richtig ist, in diesen Tagen, wo das Unheil
grassiert, das Glück zu fordern: Glück für die Hühner,
Schweine, für die Berge, Häuser, dies kann sie nicht mehr
hören. Leihen möchte man es nicht nur besitzen
und ein Paar glücklich machende Schuhe dazu.
Sie muss gestehen, alle Glücklichen, die sie kennt
sind stundenlang im Wasser. Sie spritzen herum
kraulen, lachen. Täuschen sie vor im Paradies zu sein?
Oder sind sie es?
Alles Wasser, mein Leben eine Dürre, sie beobachtet
heimlich den Bademeister, wirft die Hände hoch
und springt mit allen Körperteilen ihrer 77 Jahre hinein
Das Leben fängt überall an. Sie ist weg und davon
Ist es wahr? Nein, sie ist auf der anderen Seite aufgetaucht.

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Kein Glücksrad

Ein Windrad bin ich, eines von den dutzenden
In Glied und Reih stehen wir
auf diesem menschenleeren Hügel
sich drehen sich drehen meine Aufgabe
Der Sturm macht die Flügel wund
In der Hitze verbrennen die Wurzeln und wo sind sie
Ich sehe sie nicht, ich muss mich drehen
Wer fragt ob ich es will und wozu es gut ist
Es ist als ob 11 Menschen einem Ball nachlaufen würden
laufen laufen bis einer umfällt
Und diese Felder rundum
nichts für die Verwöhnten oder Vögel und es stinkt
wenn der Feldgott böse Blicke schickt
Der Himmel tut mir leid
dieses Kratzen auf der weichen Haut
die Luft tut mit leid, so viel Wirbel und nichts dahinter
Ich hatte keine Wahl, man stellte mich hierher:
du smartes Rad
es blitzt anders im Tal als auf dem Hügel
finde dich ab, du bist kein Glücksrad

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Regenanbeter

Wir beten den Regen an, wenn kein Regen, regen wir uns
auf, reden mit dem Himmel und es regnet.
Die Schirme lassen wir zu Hause, öffnen die Münder,
es fließt in die Seelen,
die großen, die kleinen Seelen.
Dass wir uns im Regen lieben versteht sich von alleine,
danach gehen wir in den Park, die anderen kehren ihm
den Rücken, er wird sich mal rächen, lässt einfliegen,
scharenweise Mücken.
Wir beobachten wie sich die Pflanzen im Wasser vermehren,
wie glücklich die Kröten glucksen,
aus den Gedächtniszellen graben wir ein paar
verträumte verregnete Verszeilen aus. Auch lieben wir,
wenn die Welt kalt ist, das ist das Wahre,
da schwimmen in den Pfützen keine sonnigen Schimären.
Wir laufen umher, spritzen, während die anderen rufen;
Herrgott, die Sonne muss her.
Aber wir sind keine Sonnenanbeter.

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Die nackte Wahrheit

Als ich durch das Fenster hineinschaute, saß sie,
die nackte Wahrheit in der Mitte.
Klein, dick, atmete wie ein indischer Kundel,
(die Fenster waren zu, fürchtete man, sie würde weglaufen,
weil draußen Kraut und Rüben blühten?).
Dutzende von Versammelten um sie: eine hatte
Bierschaum auf den Fingern (war sie eine Bierzapferin?).
Einer war groß (war er ein Großmeister?).
Jemand schmierte ihr Honig um den Bart. Von der Bar
kamen die Damen und hielten sie bei Laune.
Die nackte Wahrheit wurde von allen Seiten bearbeitet.
Kurz vor Mitternacht wurde sie blass, verlangte
kein Wasser mehr und lächelte weniger.
(Vorsichtsweise schloss man die Tür zu, sie darf nicht ins
Unvermeidliche weglaufen).
Als ich noch die anderen kommen sah, dachte ich, sie sagte
ja. Dann tänzelten alle um sie;
die Herren mit den Scheren, Frauen mit bunten Kleidern
Pinsel und Pinzetten.
Irgendwann kam sie heraus. Nach der neuesten
Mode frisiert, gekleidet (nicht in Samt und Seide dafür in
Schiffer und Campbell). Sie war eine Schönheit, ja eine
Begnadete. Ich wollte sie etwas fragen. Ohne einen Blick
auf mich zu werfen, verschwand sie in der Menge.

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Sexzeiler

Hans Bender schreibt die Vierzeiler, ich werde
Fünf – nein Sechszeiler schreiben, sagt sie.
So viel ist mir ein Gedicht wert.
Das Gedicht ist beleidigt, sie hat Zahnweh,
die Zähne fallen heraus, die Kronen, alles rollt
über den persischen Teppich.
Da ist was verkehrt, sagt er, während sie sich
beugt, das Verstreute sammelt,
ja, du siehst es so, da du permanent im Verkehr
steckst, sagt sie, bitte nicht gleich an den
Geschlechtsverkehr denken. Warum nicht,
und warum nicht ein Sexzeiler, sagt er,
nähert sich ihr von hinten,
sie hat es erwartet, was soll ich, fragt sie
hinterlistig, mich nach hinten schwingen?
Aber wie? Mit Schwung, natürlich.
Dies muss trainiert werden,
trainieren wir es, ohne Eile für diese Zeilen.

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Wochenbericht

Am Montag holte ich das Blaue vom Montag
sonneneingerahmt reichte ich es dir
samt Ranunkel und Knöterich
Am Dienstag wollte ich
auf die Luftleiter steigen
nach dem Wohl der Vögel fragen
Ich kam vor Dreck nicht weiter
Am Mittwoch hatte ich
Gedanken wie Heu in einem Spiel von Phrasen
Am nächsten Tag machte ich modern art
schüttete Blätter
Speisereste Blut über die Leinwand
Freitags sagte ich zu den Büchern
ihr seid so gelassen
und das Draußen fällt in Ohnmacht
Samstags legte ich eine Hand um dich
die andere um den Stein
auch der Stein will berührt sein
Sonntagabend fiel mir deine Tasse zu Boden
jetzt hast du nicht alle Tassen
im Schrank
die Scherben habe ich zusammengefügt
zusammengefügt auf gut Glück

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9. Oktober. Aus dem Tagebuch

Seit einigen Tagen lebt eine Fliege bei mir.
Man könnte sagen, ich lebe mit einer Fliege zusammen.
Zuerst das Frühstück; was ich esse bekommt auch sie:
Honig, Haferflocken, Butter. Sie sitzt auf dem Honig;
wie nimmt sie das Süße in sich auf?
Ich wasche mich, sie auf der Spiegelscheibe.
Beobachtet sie mich, während ich mich beobachte?
Was weiß ich von einem Insekt?
Früher störte es mich.
Bienen verscheuchte ich mit einer Zeitung, Fliegen
schnappte ich mit der Hand, schnell in das Klomuschel,
weggespült. Bin nachsichtig geworden; was reinfällt,
soll bleiben, kürzlich setzte ich einer Biene
die Zuckerdose vor.
Die fliegende Kameradin weckte mich mit ihrem bzzz
um fünf auf, jetzt hat sie Schlafzimmerverbot.
Ich sehe sie herumflattern, etwas bewegt sich hier.
Die Fliege fliegt. Warum sagt man nicht die Biene bient?
Die Libelle libellt? Wenn alle Insekten fliegen,
dann sind alle Insekten Fliegen.

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Vom Lügen

Ich gebe zu, ich lüge gern, am gernsten im Frühling,
dann haben die Lügen Blättergeruch und blühen.
Die meinen haben starke Beine und kennen
keine Langweile.
Ich tu‘s im Liegen, schaue vom Bettrand zu,
wie sich die Balkone biegen.
Schon vor Christi hat der Mensch in Lüge gelebt.
Und in den Beichtstühlen?
Der Mensch ist ein lügendes Tier, hat jemand
geschrieben,
Frauen lügen länger, unermüdlich während sie sich
auf den Leintüchern hin und her drehen.
Weil die Männer mundfaul sind, kommen aus ihren
Mündern weniger Unwahrheiten, dafür Mundgeruch.
Wenn Lügen heißt, die Tatsache zu verändern,
dann lügen alle diese Schreiberlinge, die sagen,
sie hätten die Tatsache verändert,
es heißt dann, sie geben der Phantasie freien Lauf.
Nun, die Wahrheit ist: wir phantasieren,
phantastische Wesen sind wir,
eine denscherische Ansicht. Was sagt dazu
jener Autor, sicherlich hat er gelogen,
das mit dem Tier in uns, das nicht zu bändigen ist.

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Zwei Banker auf einer Bank

Sie sind inkognito hier keiner wird erfahren dass sie
auf einer Bank sitzen am Waldrand die Bank schimmert
ist verschwiegen wie der Schlitz eines Automaten
im Schatten kühlen sie die erhitzten Köpfe vergessen
sind die Zahlen wie leicht lässt sich reden über das Glück
der Mücken
kein Mensch ringsumher nur das Muhen der Kühe
und das Klappern der Pfarrtüren das Holz
duftet die Nasen niesen so viel Stille vor ihnen so viel
Stil im Inneren und hinter den Rücken ist die Welt
dort regieren die Intrigen
es geht ein Jäger vorbei nein kein Verdacht er schaut sie
wohlwollend an
wer vor den Bergen sitzt hat nichts zu verbergen und der
Gipfel dämmert über jedes Omen hinweg
Jetzt ziehen die zwei die Socken aus
ach wie das Gras wuchert die Füße versinken darin
es kitzelt
Die Banker haben vergessen hier regieren die Zecken
schon rücken sie mit den Giften schon beißen sie in die
Beine o weh es ist zu spät für die Banker

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Verwandlung

Sie wollte sich verwandeln,
nicht in ein Schäfchen oder eine Sau, nein,
eine Taube wollte sie sein, graziös könnte sie sich
in den Hüftchen wiegen, die Welt mit Gurr-
variationen beglücken.
Zwischen Tisch und Schrank fand die Verwandlung
statt. Die Taube zeigt gleich die Allüren,
will, dass jemand ihr mein Täubchen ins Ohr gurret.
Sie weiß nicht, es sei aus der Mode,
zurzeit schreie man, du dreckiger Vogel.
Sie putzt ihr Federchen blitzblank, setzt sich
auf das Knie eines blassen Fräuleins
und pickt ihr aus der Hand das braune Kauderei.
Ich bin nicht taub, wie manche glauben,
hörlos wäre ich gern, das ewige Krächzen, Krähen
geht mir auf die Nerven.
Von Natur aus bin ich grau wie eine Graupe,
kann nichts dafür, man sagt, diese Farbe
treibt in die Höhe, die Selbstmordrate, deswegen
will man mich aus dem Lande jagen,
ich liebe die Heimat, bin sozusagen heimatlicher
Vogel, wenn es soweit ist und ich fortgejagt werde,
werde ich singen, damit die Welt es weiß,
werde singen: I am from Austria.

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Drose

Sie heißt Drose. Man kann sich nichts aussuchen,
auch der Name ist keine Ausnahme, denkt sie,
man kommt zur Welt, er wartet schon
wie ein Zug bereit zur Abfahrt.
Ihr fällt kein Name ein, den sie gern tragen würde,
manche sind ihr untragbar z.B. Hose, Hasel,
Fußpilz. Mein Name ist Fußpilz, sie würde sich
zu Hause einsperren.
Dies ist ihr erspart geblieben. Eine zufriedene
Drose. Das gelungene Leben beginnt
mit dem richtigen Namen.
Sie buchstabiert gern: D wie Duchane, R wie Rosette,
(eines der schönsten Worte), O ist Olej, S = Sunta,
E Eschere, Es passierte, dass jemand
fragte, Dose? Entsetzlich rief sie, bitte keine
Dosenvergleiche, auch kein Vergleich mit der Drose
aus Braunschweig.
Auch passierte es, dass jemand die Silbe D
verschlungen hatte, auf einmal war sie Madame Rose,
sie sprang auf, es war einer von diesen
taufrischen, blütenreichen Morgen,
sie sprang auf und rief voll Elan: natürlich die Rose,
keine von diesen Edelsorten aber dem Duft nach Rose.

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Wir sitzen am Rande

Wir sitzen am Rande und kauen das runde Kraut,
vor lauter Kräuter sehen wir die Wiese nicht,
wir machen uns krumm, das Kraut als Speise?
Wie dumm.
Es laufen ein Hase, ein Wildschwein, der Bauer
spuckt Speck und zitiert Brecht, wir haben
Augen nur für seine Magd, wir umzingeln
die Kleine aber der Vormund versperrt uns den Weg,
dann nicht, wir weichen zurück, da rührt sich
die Magd hinter ihm und zeigt, was im Korb liegt;
ein hübsch geschmückter Hahn,
wir schnalzen, zeigen auf die Zunge, da liegt
der Hunger, der Dürre will uns verwirren aber
das Mündel rupft schon das Tier, wir helfen ihm,
abrupt wirft es den Hahn in die Luft
und sich selbst ins Gebüsch,
wir stehen wie gebannt aber der Hunger vertreibt
uns die Lust an der Tat, wir laufen weg,
hinter uns der satte Stall, der Bauerfluch,
die gespreizte Magd.

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Versteckspiel

Es ist im Ohr, sagst du, das Liebeswort, das mir
der Wind hineingeblasen. Ich stecke dir die Zunge
ins Ohr, bohre, will das Wort herausholen. Stattdessen
hole ich das Ohrenschmalz, ich schmalze schnalze,
während du mit den Händen fuchtelst, uff, es hat
sich verschoben ist im Mund.
Ich fahre mit der Zunge hinein, links rechts
mit dem Zipfel auf den Grund des Mundes, Wasser
Speichel laufen dir mir über das Kinn,
warte, es ist gerutscht, nach unten. Wo ist unten?
Im After? Du runzelst die Brauen
(du siehst, bin ein Mann der einfachen Worte). Liebes,
dein Anus gefällt mir wie deine Brust.
Wir legen eine Pause ein. Dann betätige ich wieder
die Zunge (warum nicht ein anderes Organ?),
ich bohre jetzt unten wie vorhin dort oben, stoße
an Grenzgebiete, Hindernisse und so weiter,
ich finde nichts, bin am Verzweifeln und du erstaunlich
heiter. Wo hast du das Liebeswort versteckt?
Du lachst, weißt es auch nicht.