VI. Im Kreise des Jahres

Januar

Im ersten Licht der Hof, die Fenster gegenüber.
Januarfarben schwirren, das Süße des Flieders
ein Junierinnern, nordwandangelehnt
ein weißes Häufchen; Pulver oder ein Pullover?
Hinter den Vorhängen das Neujahrsgesicht,
die Lippen in Bewegung,
Sätze, Vorsätze bahnen sich zum Baum,
schneeflockenpunktiert.
Im Hinterzimmer schlägt eine Uhr,
fällt ein Unterkleid von der Stuhllehne,
aus der Decke rollt dir warm zu: Guten Morgen.
Der Winter ist nicht kälter als gefrorene,
Rumglöckchen im Salon Agnion an der Ecke.
Jetzt bist du drinnen, die Zunge berührt das Eis.
Wenn du genau hinsiehst, die Dinge sind,
wie man sie auf die Zunge nimmt.

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Februar

Unter dem Schnee ein Geheimnis. Ein schauerndes?
Längst schaufelt jemand, schnauft. Weder er noch
der Schnee gibt nach, die Stunden werden ausgedehnt
bis zum Rand. Meine Sanduhr ist eingefroren.
Die rosigen Körnchen, wer wird mir zulächeln?
Ich werde sagen: Meine Damen und Herren,
ihre Wutproben erreichen die Geruchszone,
mit einem Nasepax ist dem nicht beizukommen,
unbekümmert schreibt sich
der Dienstag ins spätere Erinnern, gekühlte
Verse werde ich über die Hitzköpfe streuen.
Der Wind bläst in die Betten, wir rücken näher
zueinander. Noch näher? Die Haut ist dazwischen.
Und was ist in der Küche? Da kugeln sich zur Mitte
hin Rosinen und Rosmarin.

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März

Kein Märzenbecher, dafür Palmenwind, soweit die
Vorstellung reicht. Jemand sitzt auf dem Heißfelsen,
jemand geht durch die Raureiffelder, längst
ist er weiter, als man es erwartete,
ein Viertelmond auf der Stirn, der Sand,
die Schneeflocken. Um die Mundwinkel hängen
Worte, dünne Zigaretten, dann fallen sie im freien Fall
zu den Spuren: die Wortspuren, schneeversandet.
Bevor der erste April einen Scherz
mit ihnen treiben wird, hebt eine Hand sie auf für
ein Nachgedicht. Jetzt rutscht sie zur Seite 18:
«Die Erinnerung geht auch durch Schlüßellöcher».

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April

Schön wäre es und sofort ein Grashalm im Colaglas,
sie notierte es, war beruhigt. Frix und Frex,
das Straßennamenfest, die Straße machte ihren Namen
zum Narren. Wo aber führt die Scheredawaretzka
hin? Das Auge des Mittags anders als das der
Mitternacht, die Mörderaugen waren es vielleicht,
die mich durchbohrten.
Der Montag war nicht blau, nicht blanvett,
schalenoval mit Geringsprung war
der Ostermontag. Mit einem Fernrohr sah ich
April in einer Pferdekutsche fahren, ein Gast
dahinter, der Huflattich am Hang öffnete die Kelche
Als ob einem Altgemälde entsprungen: bunte
Geschöpfe auf Märkten und in Alleen,
mit noch frierenden Gelenken.

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Mai. Eine Idylle?

Plötzlich beim schrägen Licht des Nachmittags
ein Beigeschmack der Zuckerwatte.
Die Taube, die in den Tag hinein gurrte,
erschien dem Besucher als eine stolze Gans
des Schloßes. Die Worte rückten näher
zueinander, kein Wort blieb allein.
Die Sonne zwinkerte den Augen, die Augen
der Ampel zu, während im Wald
die Hochspannungsmaste summten.
Wie eine Pusteblume streckte ich die Arme.
Es zog mich hinauf,
dann purzelte ich ins Dickicht des Traums.

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Juni

Bahnhöfe soll man besuchen auch wenn man nicht
verreist: ja, man ist angekommen. «Namenlosigkeit
ist eine Zier», lasen sie, warfen ihre Namen weg,
ihr genügte ein Mairock,
ihm eine Junimütze, nass geworden,
zerknittert Pech und Poesie, ich wrang, bügelte sie,
war eine Minute lang Zeuge der Dinge Widerwilligkeit,
eine Stimme täuschte einen anderen Ton vor,
Durellton, ein Wimwam im Takt,
der Vogel hieß Mijanju, war olivgrün, sang zu leise,
der 30ste, Freitag, hat stundenlang gebadet: er ertrank
samt dem Schutzkragen.
Gras wuchs darüber. Spitzwegerich, Schaumkraut.

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Anfang Juli, mittags

Kein Wind, der vorwärts treibt ein Staubkorn oder
einen Rippton. Eine schiefe Tafel, ein Flatterduft,
die Bänke. Alle Richtung Kirchentorgerüste.
Auf den Bänken Gesichter, Beine, Bäuche.
Alles gerichtet zu den Uhrzeigern. Diese Zeiger:
Wie sie sich träge schieben.
Dreht man sich dann um, ist die Zeit
im Nu vergangen.
Noch sind die Körper anderswo beschäftigt,
bald werden sie sich unter der kalten Dusche begehren,
weiterhin kramen die Finger
in der Mittagstasche, finden klimpernde Muscheln.

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August

Ich hielt es gegen das Licht: nein, Augustus gar nicht
hitzig und warum neidisch auf Julius?
Bäume erotisch aneinander gepresst, dick wie
bei Botero. Die Nachricht kam am Abend: es war
Mord, wir waren schuldig und freigesprochen. So
bewahrten wir Gesichter für die Geschichte.
Dunkle Kinder spuckten dunkle Kerne,
sprangen über die Fußtücher,
zählten Ruderschläge und Stiche der Mücken.
Rieb sich etwas an meinen Nasenlöchern?
Das Salzige aus dem Körper? Das Süße
aus den Körben? Sommerkörbe! Marillen,
Rhabarber, Weichseln; den Sommer einkochen!
In Gläsern bereithalten, gelb, orange, rot
gegen die Farbennot.

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September

Gorgonius fiel aus dem Kalender, am Samstag,
man suchte einen Ersatz,
ungeachtet dessen übten sich die Herrschaften
im Lachen beim Hinundherschauen,
drei Mädchen vor dem Schaufenster:
dunkle Lippen, deichte Stiefel
und dreizehn Wünsche frei.
«Wer im September den September nicht flieht,
bleibt hier hundert Winter gefangen».
Eine Amsel schielte auf das Gedicht,
wollte sie hineinflattern? Bitte hinein!
Durch die dünnen Hälse
spieen die Stromdrähte Klage und Klänge,
wir schrieben dem steinalten Heraklit,
wir schrieben ihm, während die Nacht
mit der letzten U-Bahn fuhr
und der Nachtwanderer im Dunkeln blinzelte.

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Ende Oktober

Bäume nach den neuesten Modellen, Oktoberfahnen
am Bergrücken, Grüße von den Herbstzeitlosen,
den Landvermessern in fremden Betten.
Die Landstreicher: am Teichufer zitternd zwischen Tang
und Entenschnattern.
Geruch nach Kalk und Kölsch, die Stadt bewahrt
den Schein, der Wind schlüpft unter die schwarzen
Kopftücher, ein schwarzer Wind, die blassen Frauen
im Kaffeehaus plaudern aus den Tassen.
Deine Tage liegen im Kuvert, du öffnest mit einem
Perlmuttmesser, ein Monatsspruch als Zugabe,
du nickst und fragst: was verbirgt ein Schild?
Was eine Schaukel, wenn sie nicht schwingt?
In meiner Wechselkammer ordne ich Tageseindrücke,
stopfe damit Gedächtnislücken.

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November

Noch sind sie da, die Wünsche, bevor sie Hals über Kopf
zu den Eisfeldern laufen, und schon fährt man südwärts,
nach Süden, als wäre dort zu finden:
etwas für die Herzen. Hagebutte: die Finger greifen hinein,
betasten die Fruchtreste,
die Bäume weit voneinander entfernt,
blind einander suchend
gleich den Menschen bei Giacometti,
Von Wirtshaus zu Wirtshaus
gehen die Abendverkäufer hausnummerspähend,
die durstigen Rosen wollen sie gegen die bierfeuchten
Münzen tauschen. Zur Unzeit wache ich auf,
die Gespensterchen von draußen drängen in meine
Unterwelt aus Tüten und Tönen,
ach Gucksen, Mülpsen, Wänzen, Sofzen.
Ein spätherbstliches Singsang. Eine Novembersonatine.

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Dezember, der 31ste

Bald verschwindet er,
Vertikal? Horizontal? Was weiß er? Dieser Tag.
Draußen Karneval des Lärms, der Lichter und
Gestirne. Wir sitzen leise, ein altes Paar.
Wir sind des letzten Tages Paar. Was wissen wir?
Ich eine blonde Negerin, du ein Jüngling
aus dem früheren Gedicht. Du mein Gedichtling.