Neue Aphorismen

(eine Auswahl)

Das Leben kein Roman
Das Leben
ein Aphorismus
Kurz,
aber wo ist bitte
die Pointe?

***

Die Reichen fahren
Bentley und weinen
Die Armen schweigen
weil Schweigen
Gold ist
Die Ärmsten werden
im Himmel die ersten

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Die Erwachsenen
streicheln Displays
vor dem Schlafen
Die Alten paaren sich
in Würde
Sex ist ein Geschenk
Gottes erklärt
der Pontifex

***

Der Kanzler ruft
begeistert: nimm was
dir zusteht
Und ich frage mich
was mir zusteht
in dieser schönen neuen Welt

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Ja, ja, die schöne
neue Welt
sie bedarf eines nur
einer Schönheitskorrektur

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Social Media
ist eine
Entsorgungsstelle
für die Ausscheidungen
der Seele

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Manche schreiten
über den roten Teppich
Die anderen sitzen nackt
auf dem dürren Land

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Nicht allein bist du
auf der Flucht
Wir alle suchen die Weite
aber am liebsten
fliehen wir vor uns selbst

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Es hilft nichts
früher oder später
zeigt jemand
sein wahres Gesicht

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Ein gutes Gewissen
ist ein sanftes
Ruhekissen
Das schlechte, alt und
dement hat alles vergessen

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Kommt Zeit
kommt Verrat
Wir verraten
in Raten
Der Schmerz wird
erträglicher

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Nichts Neues
in der Politik:
Machtspiele der Parteien
und das Volk
darf zuschauen
und kibiezen

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Die Wahrheit hat
viele Gesichter, sagen sie
Verständlich
dieser Wunsch
nach Plural

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Es ist ein Wort, das wärmt
einen Winter lang
Es ist ein Tag, lang wie
ein Jahr
Ein Spruch ist es
länger als ein Buch

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Der Stein kam ins Rollen
Will er dem Schicksal
entkommen?
Und wir
Wem wollen wir entkommen?

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Die Stadt rauscht
wie das Meer
Die Vorstadt wie eh und je
weiß nicht weiter

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Auf allen Flaggen
die sie hissen
steht es:
Es wartet
das Ungewisse

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Manche schwimmen
im Glück
Manche waten
im trüben Wasser
Die anderen
kraulen quer
Und alle wollen
zum Ufer

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Was tun, wenn es einmal
schief geht
wenn die Schiffe, Boote
untergehen
und aus dem Schilf
kein Lied
zu vernehmen ist

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Vielleicht geht’s
nicht schief
Vielleicht gehen die Schiffe
Boote nicht unter
und aus dem Schilf
erklingt ein Lied

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Die Spuren im Schnee
verwehen
Und was bleibt vom Schnee?
Ein Schneevermächtnis:
Auftauchen, Auftauen
und Bleiben
im Gedächtnis

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Alles wird gegessen
mit einem stummen Blick
auf die Mauer
auch Fake News
die serviert werden
schon
im Morgengrauen

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Die Vögel flitzen
von Baum zu Baum
Auf einer Bank sitzend
lauschen wir
dem Handygezwitscher

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Die guten Geister
helfen im Haus
die bösen treiben
ihr Unwesen
an den Börsen

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Alles fließt, Heraklit
Nein, alles wandert,
Berge Felder Küsse
und wir wandern
in dieser
wandelbaren Zeit

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Die Schlauchboote ertrinken
nicht mehr
Dicht geworden das Meer
von Unrat und Kadavern
Die Fische schwimmen
als ob nichts geschieht
ringsumher

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Manche sagen Grüetzi
manche Grüß Gott
Die anderen sagen Salam
Auf Godot
warten sie alle

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Heimaten:
Eine Heimat hinter dir
eine davor
und du bist daheim
in dir

***

Am Abend
sammle ich
Tageseindrücke
stopfe damit
Gedächtnislücken