III. Zeitgenössische Texte

Nicht allein bist du auf der Flucht
wir alle flüchten mit
Seit gestern seit Jahrhunderten
Nach Norden Süden in die Mitte

Von einem Himmel
zum anderen

Ich eine blonde Negerin
Brancusis Garten entsprungen
du mit den Augen eines Fisches
der ertrunken
wir gefallenen Engel ewigen Juden

Fluchtsand in den durstigen Wimpern
Meereswellenschläge im Magen
Durch das Schlammige
das Durchgebrannte angekettet

Im Sternenbett zu Dämmerstunden
erscheinen wir uns selbst
als Marionetten
im Märchen aus tausend Nächten

Wir alle suchen die Weite
aber am liebsten
fliehen wir vor uns selbst

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Wenn Tausende ertrinken

Wer zählt sie? Eine Zählmaschine?
Wer vergießt die Tränen? Das Meer?
Wer nennt ihre Namen? Der Wind?
Wer besingt sie? Die Wellen?
Wer erzählt ihr Leben? Die Fische?
Wo liegen die Leichen? Am Grund? Tief, tiefer?
Wer zündet die Kerzen an? Die Herzen?
Der Gestrandeten? Der Ohnmächtigen?
Und die Seelen? Liegen sie flach, dicht
am Kadaver geklebt?
Erheben sie sich nachts? Fliegen sie weg?
Zu den anderen Planeten? Mars, Venus?
Wir sehen sie fliehen, flimmern, uns zurufen,
wir verstehen kein Wort
staunen was soll der Fleck in unseren Augen
Und wer sind wir auf der anderen Seite des Ufers?

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Nein wir fürchten uns nicht vor dem Wald
Er lenkt den Gang sicher voran
Schärft den Blick für das Bodentiefe
Das Gespeicherte gibt er dutzendmal zurück
Nein der Wald ist es nicht

Wir fürchten uns vor dem Boot
Da sitzen wir eng und nass
da stehen wir auf den Füßen der anderen
wie in einem schlecht geschnittenen Film

Staub der Sterne in den Augen
Und immer das Spähen und es kaum zu fassen
Was uns trägt, trägt uns immer weiter
dorthin wo das Dunkle und Feuerrot glitzern

Hinter uns das brachliegende Land
Geruch nach der Asche

Das All zieht sich zusammen
die Weite rückt immer weiter
Dieses verfluchte Schreien des Wassers im Kopf

Mit tausend Träumen überfülltes Boot
kippt es um
Wer rettet uns in welcher Sprache der Engel

30 000 Ertrunkene im Mittelmeer

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Die Gruft

Ein Sturz ist ein Sturz ist der Anfang, das Ende, ist die Gruft.
Die Gruft ist kein Grab.
Im Grab liegt man eng, kein Licht, die Toten erzählen nichts.
In der Gruft erzählen die Schlafsäcke, die Knöpfe
der Mäntel, die Abdrücke der Schuhe, der Finger
und die Schatten erzählen. Mit entfesselten Zungen.
Hier duftet es nicht, stinkt nicht nach Bier,
die Tage werden in grünes Grau gekleidet,
die blauen Farben mit Fingerkuppen vermischt
aufbewahrt für später.
Auf dem vorgewärmten Mondscheinteller
wird serviert, der Mond heruntergeholt und zugesehen
wie sich die Stunden um sich drehen.
Hier wird keine Schönheit gepflegt wie auf dem Hügel
der schönen neuen Welt und geht man ihr
auf den Grund genügt das Schweigen. Ein Punkt.
Hier werden die Nächte zusammengefaltet von
den Händen, die nichts halten.
In keinem Prospekt abgebildet, will sie nichts abbilden,
sich nichts einbilden, geschickt hält sie
das Gleichgewicht, hält sich selbst in Schach
damit sie nicht zusammensackt.
Manchmal kommt ein Besuch, ein Mädchen ohne Namen,
die zerzausten Haare leuchten, bringt Küsse auf
einer Tasse, man möchte ihm einen süßen Namen geben
und dass es bleibt, ein Stern zum Anfassen.

Gruft: Wiens Einrichtung für Obdachlose

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Auf der anderen Seite

für Noa Pothoven

Du bist angekommen, du wolltest immer hin
Er nahm dich freundlich auf
Ein Bad aus den schönsten Farben bereitete er vor
Die Haut ist rein
Das Himmelbett wiegt dich sanft
Keine Wünsche mehr
Der Himmel beschützt dich, die Erde konnte es nicht
Immer wieder ließ sie dich fallen
in den Schmutz, in die Angst fallen
Schwere Schwerelosigkeit
Jetzt bist du dort, der Himmel war deine Sehnsucht
Ein neues Leben
Ich sehe dich so fern und so nahe
In Samt und Seide gehst du verträumt
Lächelst der Erde zu: wach auf, sei wachsam
Die Sterne lächeln dir zu, dieselben Sterne
Die Sehnsucht für immer gestillt
Ich werfe das Geschriebene hoch hinauf, horche

Noa Pothoven: mit 11 sexuell missbraucht, mit 14 vergewaltigt.
Danach wollte sie nur sterben. Mit 17 Suizid

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Die Nachbarn

Sie gingen leise, die Hände leer und leicht der Atem. Sie nickten freundlich, als ob sie grüßten, gingen schnell, schauten schnell in die Augen, manchmal lächelte einer als ob er zu diesem Haus gehörte, seit langem, und einer drehte sich um als ob er Angst hätte an den Schritten erkannt und von hinten gepackt zu werden. Niemals schaute einer aus dem Fenster, niemals schlug die Tür laut zu, zu zweit, zu dritt gingen sie nicht, die Haare beschmierten sie mit etwas Glänzendem, sie waren junge Männer, Frauen besuchten sie nie. Sie beteten fünf Mal am Tag, wenn sie konnten, kochten viel, liebten den Geruch ihrer Speisen, es roch stark und einer vom Haus schrie: so ein Scheiß-Geruch.

Einmal bei der Mülltonne: ich liebe Deutsch, können Sie helfen? Ich kam hinauf und sah: keine Tische, Stühle nur Betten, Matratzen und darauf breite, bunte, wohlig warme Decken. Wir lagen auf einer grünen Decke und paukten die schwachen Verben: Jetzt Deutsch dann vielleicht Elektriker, dann werde ich Ihre kaputten Steckdosen in Ordnung bringen. Und einer war stets hinter den Mädchen und einer hat drei Töchter drüben, wollte einen Buben, unbedingt, für das einmal geborene männliche Kind lohnt es sich hier abzurackern.

Und einer telefonierte pausenlos mit seiner Mutter, liebte Deutsch nicht und einer kochte für die anderen, ein anderer putzte für alle, nur einer hatte Papiere, die anderen hatten Angst und Hoffnung jeden Tag.

Und einen erwischte man, die Uniformierten brachten ihn zum Flugzeug, schnell verletzte er sich mit dem Messer, man sah das Blut, man wollte ihn nicht im Flugzeug, die Uniformierten brachten ihn in die Stadt zurück, er war klein, dick, tanzte vor Glück, ja ein wenig Glück im Unglück muss man haben. Ein anderer war klein und dünn, klein, sodass die Welt seine großen Pläne nicht bemerkt hatte. Er wollte noch wachsen, einmal groß werden, vielleicht ein Staatsmann in seinem korrupten, kaputten Land, schon übte er sich im Reden, Gestikulieren, hat drei Beschäftigungen, wollte schnell viel Geld und weg.

Wenn einer plötzlich verschwand, ersetzte ihn im Nu ein anderer, ohne Namen. Nur einen Namen merkte ich mir, Wajahat, er liebte Deutsch und das Land, weil er einmal ein Handwerker sein darf, ein ewiger Pizzazusteller wollte er nicht sein. Er hatte eine Verlobte, die Familie suchte sie ihm aus, ein gutes Mädchen, kocht gut, putzt gut, ist still und die girls hier sind nichts, er zeigte perlenweiße Zähne, lachte, ach was, hier werden die Träume wahr.

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Hiob im Park

Ich baute ein Haus,
Stark sein Fundament wie die Ozeanwellen
Zitronendüfte flimmerten umher
Ein rosiger Papagei sang
Eine Schaukel hob mich hoch zu den Kronen

Ich zeugte einen Sohn
Seine milchige Haut, sein Lachen
ließen meine Zellen schneller wachsen
Später übten wir es im Keller
Ich ließ ihn gewinnen, er grinste wie ein Held

Ich sammelte Worte wie die bunten kleinen Steine
schrieb ein Gedicht
In seine Brust drückte ich das Gesicht
grün wie die Zuversicht

Jetzt sitze ich da, ohne Dach
Die Flamme war stärker als der Ozean
Der Sohn wurde ein echter Held
grinste nicht, verleugnete den Keller
Kein Wort fand ich mehr
Das Gedicht rollte davon, den Steinen nach

Jetzt sitze ich da, den Blick nach oben gerichtet
und warte auf die Antwort

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Anderswo

Hier schleudere ich einen Nelkenstrauß
auf das Dach und sieh er blüht auf
Spöttisch lache ich dem Mond ins Gesicht
er errötet quillt
Ich baue auf Sand, das Schwarze übersetze
ich auf meine eigene Art

Hier bin ich, du dort verfolgt bedroht
ohne Stimme
Dein Schatten harrt beim Fenster aus
und wartet auf ein Wunder

Hier und anderswo. Nicht wir wählten
den Ort. Wer wählt uns?
Wer bestimmt? Die Geburt?

Ein Ort, ein Wort. Wer weiß von uns?
Die Grenzen, die Mauer um uns, in uns
Was weiß ein Gedicht?
Es legt sich wie eine Fahne ums Gesicht

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Was noch zu tun ist

Handy tauschen gegen das Meeresrauschen
Bilder schräg aufhängen und warten
Jammern übers Verschwinden von Regenschirmen
Die Hasspostings an die Post umleiten

Bei den Sonnenuntergängen nachdenken
was hat man wenn man den Kopf verloren hat
Weiterhin lügen
bis sich die Balken nicht mehr biegen

Über den roten Teppich in Gummistiefeln schreiten
Einem Querdenker in die Quere kommen
Tanzschritte erfinden für die Findigen
und Goldkarren für die Krummen

Den Berg der Liebe mühelos besteigen
Das Wetterleuchten beschleunigen
Sich ins Jenseits befördern
und im Paradies wiederfinden

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Sie schreiben: Gold, Gelb und die Vergesslichkeit der Welt
halten uns zusammen,
schlügen die Herzen höher, hätte man weniger am Herzen,
es sind die Stunden davor und die danach,
dazwischen hast du das Recht dir ins Fäustchen zu lachen.
Sie schreiben: es gibt uns und sie geben unserem Blick
die Richtung ihrer Augen.
Sie schreiben groß und klein, schieben darunter
ein unbeschriebenes Blatt.

Sie sagen, beim Kaffeetrinken, tunke die Gedanken
in die Untertasse,
so kannst du die Leere besser fassen,
die Bäuche sind voller als sie sind, die Finger länger
und die Füße sind schneller, wenn sie fliehen.
Sie sagen, es gibt Wunden, die verheilt wurden, und die,
die nicht zu überwinden sind.
Sie sagen, wenn du schon nichts ausrichten kannst
mach ein Selfie mit der Kanzlerin

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Hinter den geschlossenen Türen
werden die Gabeln poliert für die nächste Zugabe
wird Posaune geübt für das Jüngste Gericht
zu große Brust flach gelegt und geschmeckt
zu kleiner Kopf in den Topf gesteckt

wird laut diskutiert
über die Abwesenheit der Milch
wird geklagt über das Nachlassen der Schwerkraft
Hinter den geschlossenen Türen wird die Liebe
kalt begossen
werden die Messer gewetzt, in die Tasche gesteckt
die Unwahrheiten serviert zu den Mahlzeiten
wird Brecht zitiert und Benn applaudiert

das Perverse wird hier probiert für die Lieblingsverse
die Einsamkeit gepflegt bis es nicht mehr geht
die Suppenlöffel werden gelöchert
schöne Gesten vorbereitet für die Abendgäste
gewartet wird auf den Besuch bis zum letzten Atemzug