IV. Im Wandel der Zeit

1

Die Trauerweide wirft weg die Trauerkleider
Die Kuh nimmt eine Braut vor der Kirche auf die Hörner

2

Die Sonne erreicht den Höhepunkt und stöhnt
Auf den Felsen sitzen Frauen und bräunen ihre Power
Der Männerschwarm schwimmt schnell an ihnen vorbei

3

Die Reichen fahren Bentley und weinen
Die Armen schweigen weil Schweigen Gold ist
Die Ärmsten werden im Himmel die ersten

4

Die Dichter werden am Rücken getragen von den Göttern
Die Verszeilen schreiben sich von alleine
Das Leben ein Aphorismus
Kurz, aber wo ist bitte die Pointe?

5

Die Erwachsenen streicheln Displays vor dem Schlafen
Die Alten paaren sich in Würde
Sex ist ein Geschenk Gottes erklärt der Pontifex

6

Die Namen verlassen die Schilder
Die Häuser die Mitbewohner
Die alten guten Zeiten wollen zurückkehren
Aber wir kehren ihnen den Rücken

7

In der Suppe schwimmt der Rest von gestern
Die Gäste kichern wie die Kichererbsen auf den Tellern
Der Wirt gibt etwas zum Bersten

8

Der Kanzler ruft begeistert: nimm was dir zusteht
Und ich frage mich
was mir zusteht in dieser schönen neuen Welt

9

Die Kinder machen Speeddating
Die Eltern warten auf bessere Zeiten
Die Kreuze in den Sälen beobachten das Geschehen

10

Wir lachen uns krumm und wissen nicht warum
Von der Seite fallen Schüsse des Amokläufers
Uns steckt das Lachen in der Kehle
Voll Gerümpel ist der Weg in den Keller

11

Die Loser machen sich zurecht in der Gosse
Die Bosse drehen sich geschickt in ihren Posen
Ein Boss verkündet: für mein Millionengehalt
mache ich alles, gehe ins Gefängnis halt

12

Der Koch steckt den Stinkefinger in den Topf
Die Küche erbost sich bis zum Letzten
Von oben fällt eine abtrünnige Wolke

13

Die Schlauchbote ertrinken nicht mehr
Dicht geworden das Meer von Unrat und Kadaver
Die Fische schwimmen als ob nichts geschieht ringsumher

14

Manche sagen Grüetzi, manche Grüß Gott
Die anderen sagen Salam
Auf Godot warten sie alle

15

Sie ist zwar 7 Jahre alt
aber schon eine Mode-Ikone, berichtet die „Krone“
Mädchen, Model pfeift auf die Mode
Deine nackte Haut wollen wir sehen, Tag und Nacht

16

Tanka ist leichter als Anagramm
Uns sind lieber die perversen Verse
Die Wind frisiert die Haare am besten

17

Die guten Geister helfen im Haus
Die bösen treiben ihr Unwesen an den Börsen
Je lauter der Börsenkrach desto leiser
fällt einer vom Dach

18

Die Vögel trinken aus unseren Bechern
Die schwarzen Raben bringen Pech
Das Verflossene fasst uns ins Visier

19

Die Narren wurden von den Höfen verbannt
Die Royals machen sich selbst zu Narren
So unterhalten sie die Untertanen

20

Alles fließt, Heraklit
Nein, alles wandert, Berge Felder
Küsse wandern Schuhe ohne Füße
Und wir wandern in dieser wandelbaren Zeit

21

Eine Kunst ist es das Gleichgewicht zu halten
nachdem die Welt aus den Fugen geraten
sagt er und steht weiterhin Kopf

22

Die Maulwürfe rufen, kommt
von unseren Hügeln hat man die besten
Aussichten auf die Stadtgruben

23

Die Grube ist da damit man nicht gleich
fällt ins Grab
auch ein Decker will etwas aufdecken
damit man ihn feiert wie einen Helden

24

Es gibt keine Sünden mehr, 10 Gebote sind
verschwunden
Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen
Das schlechte, alt und dement hat alles vergessen

25

Eine Birke in Samt und Seide
winkt uns zu von der Seite
Eine Schnecke hat es eilig ins Land der Schnecken
Im Schreckenland liefern sich die Kinder
eine Schneeballschlacht und lachen

26

Die Ratten sind jetzt rar
Die Vorräte rarer
Die Vorsätze verlieren das Vor, es bleiben die Sätze

27

Social Media ist eine Entsorgungsstelle
für die Ausscheidungen der Seele

28

Der Knopf wird betätigt, der Kopf geleert
Es fallen Flausen Rosinen Grillen
Jetzt kann der Kopf nachdenken

29

Manche schreiten über den roten Teppich
Die anderen sitzen nackt auf dem dürren Land

30

Die Stadt rauscht wie das Meer
Die Vorstadt wie eh und je weiß nicht weiter
Auf allen Flaggen, die sie hissen
steht es: Es wartet das Ungewisse

31

Der Stein kam ins Rollen
Will er dem Schicksal entkommen
Und wir
Wem wollen wir entkommen?

32

Es ist ein Wort, das wärmt einen Winter lang
Es ist ein Tag, lang wie ein Jahr
Ein Spruch ist es, länger als ein Buch

33

Die Vögel flitzen von Baum zu Baum
Auf einer Bank sitzend lauschen wir
dem Handygezwitscher

34

Gott ist nicht tot
nur so richtig sauer, stand es an der Mauer
An Worthüllen kratzen wir wie an den Idyllen

35

Das Fehlen des Wissens –
Ob es schützt vor den Gewissensbissen?
Auf den Stirnen glänzen Schuppen des Erinnerns

36

Die Taube auf dem Sims schielt aufs Gedicht
Will sie hinein? Bitte hineingurren
und hinterlassen einige Spuren

37

Das Ende weiß noch nicht ob es schon ein Ende ist
oder der Anfang von etwas Neuem

38

Kommt Zeit kommt Verrat
Wir verraten in Raten
Der Wind weht den Feinstaub in den Atem

39

Manche schwimmen im Glück
Manche waten im trüben Wasser
Die anderen kraulen quer
Und alle wollen nur das eine

40

Zwillinge Panda bekamen einen Oskar
berichtet „die Krone“
Die Nachbarin bekam auf dem Hintern einen Ausschlag

41

Diese schöne neue Welt:
sie bedarf eines nur, einer Schönheitskorrektur

42

Nichts Neues in der Politik:
Machtspiele der Parteien
und das Volk darf zuschauen und kibiezen

43

Er sagte, es passt, sie sagte passe
dann passierte es aber sie konnte es nicht mehr
sehen, schon war sie auf dem Weg zum Himmel

44

Die Spuren im Schnee verwehen
Und was bleibt vom Schnee?
Ein Schneevermächtnis:
Auftauchen, Auftauen und Bleiben im Gedächtnis